Es geht auch ohne Kunststoff-Verpackungen

Aber ... – Kein aber!
Dienstag, 13.12.2016


Gastgeberin Anja Schreiber, Humboldt1Viele Gäste des eleganten 7 Zimmer Boutique-Hotels Humboldt1 in Köln freuen sich bei ihrem Aufenthalt schon seit jeher auf das liebevoll zubereitete und individuell servierte Frühstück. Das Buffet ist in der am Hotel gelegenen Bar aufgebaut. Aus der Küche kommen warme Eierspeisen. Man lässt sich in tiefe Sessel sinken und den Tag langsam auf sich zukommen. 


Zuständig fürs Frühstück, wie für alles andere auch, ist Gastgeberin Anja Schreiber. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Wohl der Gäste. Der neueste „Coup“: Beim Einkauf für das Frühstücksangebot geht sie allen in Kunststoff verpackten Produkten aus dem Weg.

Das hat Folgen für das Handling, weil ganz anders eingekauft wird, und überhaupt. Was das alles bedeutet und was es tatsächlich bringt, das wollten wir vier Monate nach der Umstellung von der umweltbewussten Gastgeberin genauer wissen.

Gastroblick: Liebe Frau Schreiber, plastikfrei – Sie sind dabei. Wie kam es dazu?
Anja Schreiber: Ich sah im Fernsehen eine Folge des Magazins WISO. Eine Familie hat 14 Tage lang versucht, plastikfrei zu leben. Ich fand den Ansatz interessant, bewusst Verpackungen zu vermeiden, wo dies möglich ist. Daraufhin habe ich den Ehrgeiz entwickelt, dies in meinem Hotel zur Maxime zu erheben. Natürlich immer mit der Prämisse, dass die Qualität unseres Angebots mindestens gleich bleibt oder verbessert wird.

Gastroblick: Ließ sich das für alle Produkte umsetzen?
Anja Schreiber: Bei den meisten Produkten fiel die Umstellung leicht, man muss nur erst einmal neue Einkaufsquellen finden, hat im Zweifel nicht mehr so viel Auswahl, und manchmal bezahlt man etwas mehr. Es hat beispielsweise länger gedauert, bis ich einen neuen Lieferanten für unseren Kapselkaffee gefunden hatte. Müsli und Trockenobst beziehe ich jetzt lose von einem Weinhändler(!). Und ich bin öfter auf dem Wochenmarkt unterwegs. Ganz einfach ist das bei Milchprodukten, und nach wie vor bekomme ich viel im Einzelhandel, in dem ich vorher auch schon eingekauft habe. Eine große Ausnahme: Wir sind von Direktsaft in PET auf Konzentrat in Glas umgeschwenkt. Direktsaft in Glas ist einfach zu teuer.

Gastroblick: Kommunizieren Sie, dass Sie Verpackungen vermeiden, und wie reagieren Ihre Gäste?
Anja Schreiber: Ich spreche das nicht offensiv an, aber ich informiere darüber auf der Webseite und über Aufsteller. Wenn man darauf zu sprechen kommt, weil zum Beispiel ein Stammgast ein Produkt vermisst, ist die Reaktion ausnahmslos positiv. Es gab auch schon Gäste, die das als Grund für einen Besuch bei uns angeführt haben. Der Verzicht auf Verpackungsmaterial steht ja für eine bestimmte Haltung, und Haltung ist gut fürs Geschäft.

Gastroblick: Wie kompensieren Sie etwaige Mehrkosten?
Anja Schreiber: So viel teurer ist das unterm Strich nicht, denn wir haben auch schon vorher die Milch gekauft, an der Bauern etwas verdienen. Zudem kann man auch die Erfahrung machen, dass die nicht eingeschweißte Gurke durchaus günstiger ist als die eingeschweißte. Und der frische Aufschnitt vom Metzger hält sich länger als der abgepackte. Außerdem kann ich beim losen Einkauf die Menge besser an die Anzahl der Frühstücksgäste anpassen. Insgesamt wage ich jetzt mal die steile These, dass ich zwar für manche Produkte mehr bezahle, dafür aber weniger wegwerfe und das alles deshalb gar nicht groß zu Buche schlägt. Zum Beispiel Frischkäse: Vorher hatte ich drei Sorten, von denen insgesamt 1/3 weggeworfen wurde. Jetzt kaufe ich eine Sorte, mache daraus mit Kräutern und Gewürzen drei Sorten, die Menge auf die Anzahl der Gäste abgestimmt, und werfe fast nichts mehr weg.

Gastroblick: Was ist in puncto Hygiene zu beachten?
Anja Schreiber: Es ist nicht möglich, eigene Gefäße über die Ladentheke zu reichen und befüllen zu lassen. Aber auch wenn man manchmal im Einkauf mit Kunststoff leben muss, sehr oft kann man ihn vermeiden, wenn man einfach daran denkt und z.B. auf Papier ausweicht. Und: Ein frischer Eisbergsalat braucht keine Folie drum herum.

Gastroblick: Nach vier Monaten Praxis: Würden Sie es wieder tun?
Anja Schreiber: Ja! Auf jeden Fall. Nicht nur, weil wir unseren Wertstoff-Müll um zwei Drittel reduziert haben. Das Einkaufen bedarf zwar etwas mehr Organisation, macht aber auch mehr Spaß, zum Beispiel auf dem Markt.

Gastroblick: Gab es Aha-Erlebnisse, Enttäuschungen oder Überraschungen?
Anja Schreiber: Am Anfang schon, wenn man mit diesem Vermeidungs-Willen loszieht und feststellt, wie viele Produkte unnötigerweise aufwändig verpackt sind. Bei vielen Produkten gibt es gar keine Alternative, sie sind nur abgepackt zu bekommen. Dann kauft man eben andere Sachen oder denkt neu über das Frühstücksangebot nach und macht dann den Frischkäse selbst. Und ist es nicht absurd, dass Menschen im Biomarkt einkaufen gehen und sich fünf Sorten Obst in fünf Plastiktüten verpacken lassen? Ein positives Erlebnis hatte ich bei einer großen Lebensmittelhandelskette. Da hieß es auf meine Frage nach Papierverpackungen: „Da sind wir dran“. Es tut sich offenbar etwas, auch im Lebensmittelhandel.

Gastroblick: Frau Schreiber, vielen Dank für das Interview!

Humboldt1 in Köln Das gewisse Extra
Drei Jahre gibt es das Hotel Humbold1 in Köln. Stammgäste von Anja Schreiber finden eines Tages auf ihrem Frühstücksplatz eine von Hand mit ihrem Namen bestickte Serviette. Zum Abschied gibt es mal ein Tütchen Frühstückskaffee oder ein Gläschen selbst gemachte Marmelade. „Für ein kleines Haus wie dieses ist es wichtig, eine große Zahl Stammgäste zu gewinnen und persönlich weiterempfohlen zu werden“, weiß die Gastgeberin. Informationen unter www.humboldt1.de.

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